Aber wenn ich doch Recht habe

Aber wenn ich doch Recht habe

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Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin mir relativ häufig sicher, dass ich mit einer bestimmten Sache einfach Recht habe; heute war ich zum Beispiel schon ein paar Mal im Recht: z.B. als ich mit meinen Kindern morgens darüber diskutiert habe, dass sie auf jeden Fall ihre Mütze aufsetzen müssen, weil sie sonst Ohrenschmerzen bekommen oder grade am Telefon als ich mal wieder versucht habe, meine Schwiegermutter davon zu überzeugen, dass man trotz fleischloser Ernährung alle wichtigen Nährstoffe bekommen kann. Und ich finde außerdem, mein Partner könnte jetzt endlich mal verstehen, dass das schon einem bestimmten Ordnungssystem folgt, wie ich meine Kleidung in der Wohnung verteile.

Ums Recht haben geht es häufig in Partnerschaften. Und wenn Paare zu mir ins Coaching kommen, muss ich immer darauf achten, dass sie mir nicht die Schiedsrichterrolle zuschieben, also derjenigen, die entscheiden soll, wer von beiden jetzt „Recht“ hat. Jeder will mich von seiner Version der Geschichte zu überzeugen und am Liebsten von mir hören, dass der andere mit seiner Wahrnehmung total daneben liegt.

Rechthaben wollen kann schnell zum Machtkampf ausarten

Recht haben zu wollen, ist auf der einen Seite sehr menschlich und manchmal macht es sogar ein bisschen Spaß, Recht zu haben. Es gibt uns ein Gefühl der Überlegenheit und wenn wir den anderen davon überzeugt haben, dass wir bei einer bestimmten Sache Recht haben, dann handelt er auch genau so, wie wir es wollen. Und das gefällt uns meistens auch ganz gut.

Wenn es aber in einer Beziehung immer wieder darum geht, wer Recht hat, dann kann das sehr zerstörerisch wirken. Denn dann entsteht ein Machtkampf, es geht um „Gewinnen und Verlieren“. 

Wenn ihr merkt, dass ihr euch bei einem Streit immer wieder im Kreis dreht und es ständig darum geht, wer mit seinem Blick auf eine bestimmte Situation Recht hat, dann seid ihr vielleicht in der „Rechthaber-Falle“ gelandet.

Was passiert in den Momenten des Rechthaben-Wollens?

Es ist nicht einfach, in einer Streitsituation aus dieser Falle herauszukommen, aber vielleicht gelingt es leichter, wenn wir bewusst haben, was in diesem Momenten des Rechthaben-Wollens passiert:

  • Erstmal stecken wir unheimlich viel negative Energie in dieses Rechthaben-Wollen. Darauf folgen negative Emotionen und Stress. Und wir bekommen einen Tunnelblick, der nur noch darauf fokussiert ist, nicht klein beizugeben.
  • In diesem Moment verleugnen wir die Wirklichkeit oder Wahrnehmung des anderen – wenn das passiert, dann kommunizieren wir nicht mehr auf Augenhöhe, denn wir stellen uns damit über den anderen.
  • Das führt dazu, dass sich die Fronten verhärten; denn wenn wir auf unserem Recht beharren, kritisieren wir indirekt den anderen für seine Art zu sein und zu handeln. Und jeder der sich in seiner Persönlichkeit abgelehnt fühlt, hat wenig Lust zu kooperieren.

„Aber wenn ich doch recht habe!“ denkt sich jetzt vielleicht der oder die eine oder andere von euch.

Diese Aussage ist „wahr” und „nicht wahr” zugleich. Und das hat damit zu tun, dass jeder von uns seine eigene Wahrheit und Wahrnehmung hat. Denn die Reize, die aus dem Wahrnehmungsfeld unserer Umfeld über unsere verschiedenen Sinnesorgane in das Gehirn gelangen, werden dort nochmal gefiltert und interpretiert – durch unsere Erinnerungen, unsere Erziehung, unsere Sozialisierung, unsere Werte und Überzeugungen – also all dem, was uns in unserem bisherigen Leben geprägt hat. Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind. Stattdessen hat das, was wir wahrnehmen, ganz viel mit uns zu tun.

Das heißt, dass wir relativ sicher sein können, dass unser Gegenüber die Situation die wir so glasklar zu sehen glauben, ganz anders wahrnehmen kann. Deshalb vielleicht anders an Dinge rangeht als wir, andere Lösungen findet. Und deshalb gibt es sicher auch hunderte verschiedene sinnvolle Arten, die Spülmaschine einzuräumen.

Es gibt eine schöne Übung in der Paartherapie in der sich die Partner gegenüberstellen und beide mit ihrem rechten Arm nach rechts zeigen sollen. Wer von beiden zeigt die richtige Richtung an?

Paare leben in einer doppelten Wirklichkeit

Der Paartherapeut Michael Lucas Möller hat einmal gesagt, dass jedes Paar in einer doppelten Wirklichkeit lebt. Und daher macht es in einer Partnerschaft eigentlich überhaupt keinen Sinn Recht haben zu wollen.

Recht haben zu wollen bringt eine Kluft zwischen uns, führt aber nicht dazu, dass wir uns darüber unterhalten, warum wir bestimmte Dinge so tun, wie wir sie tun, warum uns etwas besonders wichtig oder auch unwichtig ist. Was wir vermissen oder woher unsere Haltung zu einer bestimmten Sache kommt. Oder warum wir auf eine bestimmte Art und Weise über etwas denken.

Das  – und nicht das Rechthaben-Wollen – sind die Fragen, die uns näher bringen, uns Kompromisse schliessen und eine Lösung finden lassen, die für beide passt.

Damit ihr mich nicht falsch versteht, es geht nicht darum nicht mehr zu streiten. Als Eltern ist es sogar unheimlich wichtig, dass wir streiten, damit jeder sich mit seiner Art und Weise in die Familie einbringen kann.

Konflikte werden nicht dadurch gelöst, dass einer zurücksteckt und der andere gewinnt. Es ist wichtig, dass wir eigene Standpunkte haben und Grenzen ziehen. Und für unsere Meinung streiten. Genauso wichtig ist aber, dass wir das auch unserem Gegenüber zugestehen. Und dass wir bereit sind, unsere eigene Wahrheit auch mal zu hinterfragen und eine andere Wahrheit neben unserer stehen zu lassen.

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