Streit vor den Kindern? – Ja, aber mit Regeln

Donnerwetter - Streit vor den Kindern?

Das Thema "Streit vor den Kindern - ja oder nein?" ist mir in letzter Zeit häufiger mal in Gesprächen mit Eltern über den Weg gelaufen. Oft waren diese geprägt von schlechtem Gewissen der Eltern, dass sie sich in bestimmten Momenten einfach nicht zurückhalten konnten.

Und das ist manchmal auch gar nicht so einfach. Denn das Thema Nummer 1 zwischen Eltern sind Themen des Alltags, also Familienmanagement, zeitliche Ressourcen (wer hat Freizeit?, wer hat die Kinder? wer kümmert sich um bestimmte Dinge? …) und die ploppen halt oft genau dann auf, wenn auch die Kinder anwesend sind.

Und obwohl wir alle eine Ahnung davon haben, wie man fair streitet, ist es manchmal auch gar nicht so einfach, in diesen Momenten sachlich zu bleiben und seine Emotionen im Zaum zu halten. Manchmal sind die Impulse einfach zu stark - wir ärgern uns über ein bestimmtes Verhalten unseres Partners, sind frustriert über eine Situation - und wir verlieren unsere Beherrschung. Und dann gleiten wir möglicherweise in einen Streit ab, in dem es plötzlich gar nicht mehr um das Thema geht, sondern nur noch darum, wer „Recht“ hat.

Wir werden vielleicht lauter, als wir es eigentlich wollten, beschimpfen uns gegenseitig oder schlagen sogar Türen - und dann kommt der Moment, in dem wir realisieren, dass wir unsere Kinder vollkommen aus den Augen verloren haben. Und vielleicht fühlen wir uns schlecht, weil wir uns fragen, welche Wirkung das Ganze wohl auf die Kinder gehabt hat.

Destruktiv streitende Eltern können Kindern schaden

Und das auch nicht zu unrecht - aus der Scheidungsforschung wissen wir, dass ein destruktiver Streit zwischen den Eltern für deren Kinder einer Katastrophe gleicht. Sie fürchten dann um die Geborgenheit in ihrer Familie -  ihre Überlebensgrundlage. Gleichzeitig können ständige Konflikte zwischen den Eltern die emotionale Sicherheit von Kindern destabilisieren und die kindliche Entwicklung behindern.

Endlose Streitigkeiten erschöpfen zudem die Energie und die emotionalen Ressourcen der Eltern, die in der Folge weniger empfänglich für kindliche Bedürfnisse sein können.

Es ist auch erforscht, dass Kinder, die in sehr zerstrittenen Elternhäusern aufwachsen oder in denen das Verhältnis zwischen den Eltern eher kühl war, in späteren Partnerschaften häufig selbst Beziehungsängste und Probleme haben. Möglicherweise werden sie in Abgrenzung zu ihren Eltern entweder selbst konfliktscheu und wollen Harmonie um jeden Preis oder sie übernehmen das Vorbild ihrer Eltern übernehmen und agieren sehr aggressiv.

Kinder spüren die Spannungen zwischen ihren Eltern

Jetzt könntet ihr den Schluß ziehen, nicht vor den Kindern zu streiten. Zu warten, bis die Kinder im Bett sind oder sogar den Ärger in diesen Situationen einfach runterzuschlucken. Aber ganz so einfach ist es nicht - denn gleichzeitig gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die besagen, dass auch passiv-aggressive Streitmuster, wie Rückzug oder Konfliktvermeidung, für Kinder schädlich sind.

Denn Kinder sind sehr feinsinnig und sie spüren sofort, wenn „dicke Luft“ zwischen den Eltern herrscht. Und wenn diese Gefühle durch euch nicht gezeigt werden, sind sie irritiert.

Wissenschaftler der Washington State University haben dazu Ende 2018 eine Studie veröffentlicht. In einem Experiment setzten sie 109 Eltern intensivem Stress aus: die Eltern mussten eine Rede vor Publikum halten und bekamen dafür negatives Feedback. Im Anschluss bekamen sie die Aufgabe, ein bestimmtes Objekt aus Lego zu bauen und zwar unter Anleitung ihrer Kinder. Diese hatten zwar einen Konstruktions-Plan, durften aber nicht eingreifen - Eltern und Kinder waren dadurch gezwungen, eng zu kooperieren.

Während die eine Gruppe der Eltern keine weiteren Anweisungen dazu bekam, wurde die andere aufgefordert, ihre Emotionen so gut wie möglich vor dem Kind zu verbergen. Die Forscher beobachteten im Anschluss, wie die beteiligten Eltern körperlich reagierten. Sie stellten fest, dass die "echt" agierenden Eltern, also die, die auch mal gereizt waren, enger und effektiver mit ihren Kindern zusammenarbeiteten als die Elterngruppe, die versuchte, ihre negativen Emotionen zu beherrschen. Ihr Stress und ihre schlechte Laune übertrug sich zusätzlich auf ihre Kinder. Diese spürten die gereizte Atmosphäre, konnten diese aber nicht einordnen und waren irritiert.

Das heißt, wenn wir unseren Ärger runterschlucken, um die Harmonie nicht zu gefährden, spüren unsere Kinder, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber wir nehmen ihnen die Möglichkeit, diese Stimmung richtig zu deuten. Und das kann sie irritieren und ängstigen. Möglich ist auch, dass sie mit ihrem ihnen eigenen egozentrischen Weltbild die schlechte Stimmung auf sich beziehen.

Wenn wir in der Familie eine konstruktive Konfliktkultur leben, können unsere Kinder davon profitieren

Dabei können wir sie ruhig an unseren Konflikten teilhaben lassen. Das ist auch die Schlussfolgerung der Forscher. Wichtig dabei ist jedoch, das wir eine konstruktive Konfliktkultur leben.

Denn wenn wir „gut streiten“ können und unsere Kinder das miterleben können, dann können sie soviel für sich mitnehmen. Sie lernen, dass

  • Meinungsverschiedenheiten zwischen Menschen normal sind und dass diese die Beziehungen in der Familie nicht in Frage stellen, sondern zeigen: "Hey, du bist mir nicht gleichgültig. Auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, möchte ich, dass wir uns gemeinsam aufmachen einen Weg zu finden, der für uns beide passt."
  • auch sogenannte „schlechte“ Emotionen wie Wut und Ärger da sein dürfen und nicht unterdrückt werden müssen.
  • sie ihren Emotionen nicht hilflos ausgeliefert sind. Sie erfahren, wie sie mit diesen Emotionen umgehen und in angemessener Weise ausdrücken können.
  • es wichtig ist, seine Standpunkte und seine Interessen zu vertreten - und diese notfalls auch zu verteidigen.
  • notwendig ist, andere Meinungen anzuhören und stehen zu lassen.
  • man gemeinsam Lösungen finden kann, mit denen alle zufrieden sind.

Und ja, ich weiß, in der Theorie klingt das gut, die Umsetzung ist das andere. Aber ich bin mir sicher, dass man sich Schritt für Schritt einer konstruktiven Konfliktkultur annähern kann. 

Ein paar Regeln, die euch dabei helfen können: 

Speziell für Eltern gilt: 

  • Es gibt bestimmte Streitthemen, die vor den Kindern nicht ausgetragen werden sollten (zum Beispiel wenn es um eure Beziehung geht).
  • Wenn die Kinder dabei sind, kommuniziert ihnen klar, dass der Streit nichts mit Ihnen zu tun hat.
  • Genausowenig solltet ihr versuchen, sie auf eurer Seite zu ziehen und damit in einen Loyalitätskonflikt zu bringen, etwa indem ihr sagt, „Der Papa/die Mama spinnt doch, oder?"
  • Achtet darauf, dass euer Kind nach einem Streit auch eure Versöhnung mitbekommt. Vielleicht könnt ihr euch dabei auf ein festes Versöhnungsritual, z.B. eine Umarmung, einigen.
  • Und ihr könnt eure Kinder auch damit abholen, dass ihr eure Auseinandersetzung mit einem Streit vergleicht, den es vor kurzem selbst hatte, zum Beispiel, als es sich mit seiner Schwester darum gestritten hat, wer als erstes in die Badewanne geht.

Ein paar allgemeine Kommunikationsregeln:

Vielleicht habt ihr Lust, euch mit eurem Partner zusammenzusetzen, um über eure Familien-Konfliktkultur zu sprechen. Ob das so, wie es ist, für euch passt oder ob ihr etwas ändern wollt. Möglicherweise wollt ihr eigene Regeln festlegen, auf die ihr euch für zukünftige Streitigkeiten einigen wollt.

Habt dabei im Hinterkopf, dass unsere Kinder uns genau beobachten und nachahmen. Und dass wir mit der Art und Weise, wie wir unsere Konflikte führen, einen enormen Einfluss darauf haben, wie unsere Kinder mit Meinungsverschiedenheiten, aber auch mit ihren eigenen Emotionen und Bedürfnissen umgehen.

Und was könnt ihr machen, wenn es zwischen euch nur noch kracht?

Geht es in euren Streitigkeiten nicht mehr um das Finden von Lösungen, sondern darum, wer gewinnt? Schafft ihr es nicht mehr, aufeinander zuzugehen? Oder gibt es zwischen euch Konflikte, die ihr alleine nicht mehr lösen könnt, weil sich euer Gespräch immer in einen Streit hochschaukelt?

Dann holt euch professionelle Hilfe dazu - zum Beispiel in einer Familienberatungsstelle oder bei einem Mediator, der euch dabei unterstützen kann, wieder in ein konstruktives Gespräch zu kommen.


Literatur:

(1) Die Folgen von destruktiven Paarkonflikten für Kinder, in: M. Kemp & G. Bodenmann: Partnerschaftsqualität und kindliche Entwicklung, Springer Verlag Berlin Heidelberg 2015, S. 3-10.

(2) Alexandra Hartmann: Meine Bedürfnisse, deine Bedürfnisse. Dem inneren Kind in der Partnerschaft Raum geben, Klett Cotta 2017.

(3) Pressemitteilung der Washington State University zur Studie

"Schatz, wir müssen reden" - Gesprächsregeln zum Download

Wenn ihr ...

  • das Gefühl habt, dass eure Krise schon zu lange andauert und ihr nur noch streitet
  • euch vielleicht schon gegenseitig mit Worten verletzt
  • schon einiges versucht habt, aber nicht weiterkommt
  • kaum mehr vernünftige Gespräche miteinander führen könnt, ohne dass es zu Vorwürfen oder Missverständnissen kommt
  • beide oder auch einer von euch sich immer mehr zurückzieht, emotional und auch körperlich,

... dann kann es sinnvoll sein, eine dritte, neutrale Person dazu zuziehen. Wenn ihr euch dabei Unterstützung wünscht, helfe ich euch gerne.

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